Blutgruppen
Was kennzeichnet eine Blutgruppe?:
Unter einer Blutgruppe versteht man umweltstabile, von Alter und Geschlecht unabhängige, nach den mendelschen Regeln vererbte, genetisch vorgegebene Merkmale, welche sich serologisch auf der Erythrozytenmembran (Oberfläche der roten Blutkörperchen) höherer Lebewesen wie Menschen oder Säugetieren nachweisen lassen. Diese nachzuweisenden Merkmale bestehen aus kompliziert strukturierten Eiweiß-Kohlenhydrat-Verbindungen. Ein Nachweis der blutgruppenbestimmenden Merkmale ist auch in Körperflüssigkeiten, Zellgewebe (mit Ausnahme von Knorpel-, Nerven- und Plazentagewebe) so wie elektrophoretisch im Blutserum möglich. Eine Blutgruppenbestimmung ist jederzeit mit identischem Ergebnis wiederholbar.
Blutgruppen bei Pferden:
Bei Pferden sind insgesamt sieben Blutgruppensysteme international anerkannt. Nach der gültigen Nomenklatur werden diese Blutgruppen mit den Großbuchstaben A, C, D, K, P, Q und U gekennzeichnet, man bezeichnet dieses Blutgruppensystem der Pferde daher auch als ACDKPQU-System. Jeder Buchstabe steht hierbei für einen Genlocus (lateinisch, "Genort" - die physikalische Position eines Gens im Erbgut (Genom)). Für jeden dieser Genloci existieren zwei oder mehrere Allele (griechisch, "einander" oder "gegenseitig" - mögliche Ausprägungen / Varianzen eines Gens). Die zahlreiche Oberflächenantigene, welche durch die möglichen Kombinationen entstehen, werden als (Blutgruppen-) Faktoren bezeichnet und nach ebenfalls internationaler Nomenklatur in Kleinbuchstaben gekennzeichnet. Diese Antigene werden auch zur Typisierung herangezogen. Somit lassen sich insgesamt 34 Blutgruppenfaktoren beim Pferd unterscheiden:
Blutgruppensystem und Faktoren:
| System | Faktoren |
|---|---|
| A | a, b, c, d, e, f, g |
| C | a |
| D | a, b, c, d, e, f, g, h, i, k, l, m, n, o, p, q, r |
| K | a |
| P | a, b, c, d |
| Q | a, b, c |
| U | a |
Blutgruppensystem und Allele:
| System | Allele |
|---|---|
| A | Aa, Aabdg, Ac, Aadf, Ab, Ace, Aadg, Abc, Ae, Aabdf, Abce, A- |
| C | Ca, C- |
| D | Dadl, Dbcmq, Dcfgkm, Dcgmp, Dcgmr, Ddelq, Ddghmp, Ddlnq, Dq, Dadlnr, Dcefgmq, Dcfmqr, Dcgmq, Ddeklqr, Ddfklr, Ddghmqr, Ddlnqr, Ddlnr, Dcegimnq, Dcgm, Dcgmqr, Ddeloq, Ddghmq, Ddkl, Ddlqr, (D-) |
| K | Ka, K- |
| P | Pa, Pb, Pac, Pbd, Pacd, Pd, Pad, P- |
| Q | Qa, Qbc, Qabc, Qc, Qac, Qb, Q- |
| U | Ua, U- |
Es wird häufig noch das Blutgruppensystem T mit den Faktoren t, v und w angeführt. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um ein international anerkanntes Blutgruppensystem, da dieses System ausschließlich an der University of California in Davis verwendet wird und nach bisherigem Kenntnisstand kein weiteres Labor weltweit die benötigten Testseren reproduzieren konnte. Auch die, wenngleich etwas seltener gelisteten, Blutgruppensysteme R und S sind aus vergleichbaren Gründen nicht anerkannt.
Für eine Anerkennung als Blutgruppenfaktor müssen die zur Identifikation des Faktors benötigten Antikörper von mindestens zwei unabhängigen Laboratorien hergestellt und zudem absolut identische Testergebnisse für mindestens 40 Erythrozyten geliefert werden.
Bestimmung der Blutgruppenfaktoren:
Die Typisierung einer Blutgruppe ist nur mit serologischen Verfahren möglich. Für die Bestimmung der Blutgruppe werden daher Testseren benötigt. Ein Teil dieser Testseren, auch als alloimmune Antisera (Antikörper der gleichen Spezies) bezeichnet, wird aus dem Blut vorher durch gezielte Immunisierung behandelter Pferde gewonnen. Auf diesem Weg gewonnene Testseren müssen gegebenenfalls nach weiter bearbeitet werden, da sie in der Regel nicht nur Antikörper gegen einen Blutgruppenfaktor aufweisen (sog. polyvalente Seren), für die gezielte Typisierung jedoch nur Antikörper gegen einen bestimmten Blutgrupenfaktor aufweisen dürfen (sog. monovalente Seren). Als Endprodukt stehen international in der Monospezifität standardisierte, gefriergetrocknete oder tiefgefrorene Testseren zur Verfügung.
Die Bestimmung der Blutgruppenfaktoren kann durch drei Verfahren erfolgen:
- Hämagglutination
Verklumpung der Erythrozyten (rote Blutkörperchen)
Bei der Hämagglutination werden die aus dem abgenommenen Blut extrahierten und gewaschenen Erythrozyten mit den standardisierten Testseren vermischt und über verschiedene zeitliche Abstände das Ergebnis kontrolliert. Dieses Bestimmung wird auch als agglutinierendes Verfahren bezeichnet.
- Hämolyse (mit Komplement Kaninchenserum)
Auflösung der Erythrozyten (rote Blutkörperchen)
Bei der Hämolyse werden die aus dem abgenommenen Blut extrahierten und gewaschenen Erythrozyten mit den standardisierten Testseren vermischt und zusätzlich Kaninchenserum zugegeben. Das Kaninchenserum wird als Komplement (lateinisch, "Ergänzung" oder "Vervollständigung") eingesetzt und übernimmt die Funktion eines Katalysators (Reaktionsvermittlers). Wie bei der Hämagglutination wird über verschiedene zeitliche Abstände das Ergebnis kontrolliert. Dieses Bestimmung wird auch als lysierendes Verfahren bezeichnet.
- Hämolyse (mit Komplement Meerschweinchenserum)
Auflösung der Erythrozyten (rote Blutkörperchen)
Vorgehensweise wie bei der Hämolyse mit Komplement Kaninchenserum. Das Meerschweinchenserum ist einfacher zu handhaben, die hämolytische Reaktion erscheint allerdings langsamer und weniger deutlich ausgeprägt.
Alle drei Verfahren zur Bestimmung der Blutgruppenfaktoren können parallel oder separat eingesetzt werden. Das Prinzip beruht auf einer Antigen-Antikörper-Reaktion bei der Vermischung der zu testenden Erythrozyten mit den Testseren.
Verteilung der Blutgruppen:
Blutgruppen unterliegen einer gewissen Verteilung innerhalb verschiedener Pferderassen. Diese resultiert beispielsweise aus alten Zuchtlinien, in welche nur selten "neues" Blut eingekreuzt wurde. Untersuchungen in ausreichend großem Umfang werden nur recht selten durchgeführt. Die Tabelle auf der rechten Seite zeigt die prozentuale Verteilung einiger Blutgruppenfaktoren über fünf Pferderassen aus dem Jahre 1978. Diese Verteilung ist nicht auf Dauer festgelegt, vielmehr werden sich dieses Verteilungen insbesondere durch züchterische Eingriffe dauernd verändern. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass insbesondere bei Reinzuchten die Varianzen weniger stark ausfallen.
Verteilung der Blutgruppen (Tabelle):
| Blutgruppe | Rasse | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Sys. | Fak. | Araber | Quater- horse | Shetland Pony | Standard- bred | Vollblut |
| A | a | 98,8% | 73,5% | 32,5% | 81,9% | 95,8% |
| b | 7,6% | 37,8% | 45,0% | 59,8% | 3,8% | |
| c | 1,4% | 2,8% | 12,5% | 4,0% | 0,0% | |
| C | a | 97,7% | 87,8% | 75,0% | 87,9% | 91,6% |
| D | a | 1,2% | 13,2% | 22,5% | 4,5% | 0,0% |
| b | 49,3% | 30,4% | 20,0% | 19,7% | 40,2% | |
| c | 17,4% | 31,5% | 28,0% | 63,9% | 52,5% | |
| d | 81,9% | 78,3% | 90,0% | 96,7% | 69,1% | |
| e | 27,1% | 55,8% | 27,5% | 31,9% | 19,3% | |
| f | 4,7% | 9,8% | 8,0% | 11,5% | 9,3% | |
| K | a | 0,2% | 10,0% | 28,8% | 63,8% | 11,7% |
| P | a | 48,1% | 41,8% | 63,8% | 36,2% | 27,6% |
| b | 8,2% | 8,6% | 15,0% | 6,5% | 15,9% | |
| Q | a | 30,9% | 27,5% | 48,8% | 1,5% | 80,8% |
| U | a | 36,0% | 47,1% | 48,8% | 42,2% | 23,8% |
| Getestete Tiere: |
80 | 239 | 514 | 280 | 199 | |
| (50) | (97) | (149) | (92) | (61) | ||
| Nach: Suzuki, 1978 Tokyo Univ. (Japan). Faculty of Agriculture | ||||||
Anzahl der getesteten Tiere in Klammern beziehen sich auf die Faktoren Db, Dc, Dd und Df. Für diese Faktoren wurden weniger Tiere getestet.
Praktische Anwendung:
Die Bestimmung der Blutgruppenfaktoren wird vornehmlich eingesetzt:
- Bei der Abstammungsbestimmung
- Bei Bluttransfusionen in der Intensivmedizin
- Zur Vorbeugung der Neonatalen Isoerythrolyse
Abstammungsbestimmung:
Im Rahmen der Abstammungsbestimmung befinden sich die Blutgruppenfaktoren eher auf dem Rückzug. Früher wurde das genetische Ausschlussprinzip eingesetzt, um über die Bluttypen einen vorher angenommene Hengst als Vatertier auszuschliessen oder zu bestätigen. Dieses System kann allerdings keinen absoluten Beweis für die Elternschaft liefern, da sich recht sicher weitere mögliche Elterntiere finden lassen, deren Bluttypen beziehungsweise deren Vererbung zu einem bestimmten Pferd passen.
Für eine erhöhte Sicherheit sorgt heute der Abstammungsnachweis über eine DNA-Analyse (DNA: Desoxyribonukleinsäure (engl.: Deoxyribonucleic Acid), ein in allen Lebensformen als Träger der Erbinformationen vorkommendes Biomolekül). DNA-Analysen zählen mittlerweile zu den Standard-Laboruntersuchungen, gelten als diagnostisch sehr sicher und durch den häufigen Einsatz als günstig.
Bluttransfusionen:
In der Humanmedizin ist es unabdingbar erforderlich, dass die Blutgruppe des Empfängers bekannt ist, um entsprechendes Spenderblut zu bestimmen. Bei Menschen enthält das Blutserum natürlich vorkommende Isoantikörper (gegen ein Isoantigen (von der gleichen Spezies, aber einem anderem Individuum stammendes Antigen (jede Substanz, welche vom körpereigenen Immunsystem als fremd / nicht körpereigen erkannt wird)) gerichteter Antikörper. Diese Isoantikörper gehören zum AB0-System (Standardsystem für humane Blutgruppen). Die Verträglichkeit der Blutgruppen wird durch eine Kreuzprobe bestimmt.
Bluttransfusionen bei Pferden unterliegen einer Besonderheit: Natürlich vorkommende Isoantikörper werden hier nur sehr selten gefunden, eine Ersttransfusion kann in der Regel ohne Rücksicht auf die Blutgruppenfaktoren problemlos durchgeführt werden. Dies gilt auch für weitere Transfusionen, welche in den nächsten maximal sieben Tagen erforderlich sind.
Spätestens, wenn nach Ablauf dieser Zeitspanne weitere Transfusionen erforderlich sind oder wenn das Empfängertier bereits zuvor eine Bluttransfusion erhalten hat oder wenn es sich beim Empfängertier um eine Stute handelt, welche in der Vergangenheit ein Fohlen mit Neonataler Isoerythrolyse geboren hat, ist eine Kreuzprobe unerlässlich, da in diesen Fällen davon auszugehen ist, dass sich Isoantikörper gebildet haben.
Neonatale Isoerythrolyse:
Die Neonatale Isoerythrolyse, kurz als NI, seltener als Icterus Neonatorum (Neugeborenen Gelbsucht) bezeichnet, ist die am häufigsten auftretende Immunerkrankung bei Fohlen. Frei übersetzt bedeutet NI etwa "selbsttätige Auflösung der roten Blutkörperchen des neugeborenen (Fohlen)". Obwohl bei den Immunerkrankungen der Fohlen am häufigsten vorkommend, wird die NI in der Literatur als "sehr selten" beschrieben, man geht von einem Auftreten deutlich unter einem Prozent aller Geburten aus.
Zur NI kommt es, wenn vom Hengst speziell die Blutgruppenfaktoren Aa und Qa auf das Fohlen vererbt wurden und diese Faktoren bei der Stute nicht vorkommen. Diese Aa- und Qa-negativen Stuten entwickeln im Laufe der Trächtigkeit Immunglobuline (Antikörper) gegen diese Faktoren. Im Gegensatz zum menschlichen Embryo, welcher Immunglobuline über die gesamte Schwangerschaft bereits in der Gebärmutter erhält, werden Immunglobuline vom Fohlen erst nach der Geburt mit dem Kolostrum (Erstmilch, Biestmilch) aufgenommen. Das Fohlen kommt im Bezug auf die NI also völlig gesund zur Welt, nimmt dann jedoch mit dem Kolostrum auch die gegen die vererbten Faktoren Aa und Qa gerichteten Immunglobuline auf.
Die so aufgenommen Immunglobuline werden in den folgenden 24 bis 72 Stunden über den Dünndarm resorbiert (aufgenommen) und gelangen in den Blutkreislauf, wo sie sich an die Oberflächenmembranen der Erythrozyten anheften und je nach Ausprägung der NI deren mehr oder minder starke und schnelle Auflösung verursachen.
Mit Hilfe einer Blutgruppentypisierung kann das Risiko einer NI eingeschätzt werden: Sind beispielsweise Hengst und Stute beide Aa- und Qa-negativ besteht in der Regel keine Gefahr, bei einer Aa- und Qa-negativen Stute sollte kurz vor der Geburt ein Test auf die entsprechenden Immunglobuline durchgeführt werden.
Erythrozyten (Bild):
Hinweis zu Gesundheitsthemen: Alle Informationen werden auf der Grundlage besten Wissens und Gewissens weitergegeben. Kein hier veröffentlichter Beitrag kann oder soll eine Beratung, Untersuchung und/oder Behandlung durch einen Tierarzt ersetzen. Ziehen Sie im Zweifelsfall immer einen Tierarzt zu Rate. Die Nutzung aller Informationen erfolgt auf eigene Gefahr.











